Von Raimund Paetzmann, stellvertretender Vorsitzender des ZIA-Ausschusses Logistikimmobilien und Vice President Corporate Real Estate, Zalando SE

Gerade mal 20 Jahre ist es her als ich begann, das Internet zu nutzen und 1998 meine ersten Bücher bestellte. Zu diesem Zeitpunkt hätte ich wohl kaum gedacht, dass ich wenig später, im Mai 1999, bei Amazon anfangen und bis 2016 direkter Zeuge einer unglaublichen Veränderung werden würde.

Ich erinnere mich noch heute an die ersten Pakete und an den daraus entströmenden Geruch, wenn ich sie öffnete und das Buch in Händen hielt. Es war ein neues Erlebnis. Doch technisch gesehen war es nur eine graduelle Verbesserung des bis dahin schon sehr gut etablierten Bestellsystems: lange zuvor hatte der deutsche Buchhandel ein sehr effizientes System geschaffen, wonach es möglich war, im stationären Buchhandel (ein Wort, das es damals noch gar nicht gab) jedes verfügbare Buch für den Kunden zu bestellen, damit er es am nächsten Tag im Laden abholen konnte. Der vermeintlich kleine Unterschied, den Amazon schuf, war „nur“, dass es einem jetzt direkt ins Haus geliefert wurde und man es ohne den „Mittelsmann“ – also den Buchhändler – über einer Webseite suchen und bestellen konnte.

Ich erwähne das, weil gerade die „vermeintlich kleinen“ Unterschiede und Verbesserungen unterschätzt werden. Im Buchhandel war man stolz, ein System zu haben, dass Bücher innerhalb von 24 Stunden verfügbar machte. Der Kunde wirkte zufrieden.

Jeff Bezos sagte einmal, dass es nicht etwa die Aufgabe des Kunden sei, innovativ zu sein, um Prozesse zu verbessern. Er nutze lediglich Dienstleistungen („Services“) und kaufe Produkte. Produzenten und Verkäufer sollten hingegen innovativ sein, um die Dienstleistungen im Auftrag des Kunden ständig zu verbessern.

Aus meiner Beobachtung heraus war es der Onlinehandel, der diese Innovationen und Kundenorientierung in den letzten 20 Jahren vorantrieb, während der traditionelle Handel oft ungläubig zugeschaut und wohl ein wenig gehofft hat, dass der Spuk bald vorbei ginge. Der Kunde brauche das ja gar nicht bzw. würde er bestimmte Produkte sicherlich niemals ohne „touch and feel“ kaufen.

Heute arbeite ich bei Zalando, Europas größter Fashion E-Commerce-Plattform, und wir verkaufen sehr erfolgreich Mode, also ein Produkt, das man vermeintlich sehen, berühren und anprobieren muss.

Wenn man also darüber sprechen will, wie der Onlinehandel 2030 aussehen könnte, ist es hilfreich, diese Innovations-Motivation zu verstehen: Der Onlinehandel war damals gezwungen, seine Produkte anders erlebbar zu machen und durch Serviceleistungen zu ergänzen. Diese Innovationskraft überstrahlte die des tradierten Handels, der sich mit einer echten Digitalisierungsstrategie auch heute häufig noch schwertut und bei Partnerschaften mit dem Onlinehandel oft skeptisch ist.

In Relation zum gesamten Einzelhandels-Umsatz nimmt der Onlinehandel einen relativ kleinen Platz ein (ca. zwölf Prozent). Dennoch haben Internet und Onlinehandel die Art, wie wir einkaufen, radikal verändert. Der Kunde steht im Mittelpunkt und kann sich heute jederzeit und überall über Preise und Qualitäten informieren. Natürlich kann niemand gesichert voraussagen, wie es um 2030 um den Onlinehandel und Offlinehandel bestellt sein wird, man kann jedoch davon ausgehen, dass die Wachstumsdynamik erhalten bleibt und sich der Einfluss des Onlinehandels auf Kaufverhalten und Supply Chains verstärken wird: Wir leben in einer Zeit, in der die Entwicklung nicht graduell, sondern exponentiell voranschreitet und doch überschätzen wir – wie es Bill Gates einmal sagte – was sich in den nächsten ein bis zwei Jahren verändern wird. Gleichzeitig unterschätzen wir die Entwicklungen in den kommenden zehn Jahren: Da wir von Geburt an von unserem Umfeld geprägt werden und unser Leben diesem Umfeld anpassen, fällt uns die Vorstellung schwer, dass dieses in zehn Jahren völlig anders sein könnte. Gleichzeitig können wir heute kaum mehr ein Feld isoliert betrachten, da parallele Entwicklungen und Innovationen sich bedingen und gegenseitig verstärken und beschleunigen.

Ziemlich gesichert kann man jedoch sagen, dass sich die Grenzen zwischen Off- und Onlineshopping verwischen oder gar auflösen werden. Man wird nicht mehr klar definieren können, ob es sich um einen Online- oder eine stationären Kauf handelt. Für den Kunden wird das Einkaufen immer bequemer. Das neue Zauberwort heißt „omnichannel“. Das bedeutet, dass der Kunde die Vertriebs- und Kommunikationskanäle beim Einkaufen beliebig wechseln kann, vom Mobiltelefon zum stationären Handel und von dort zurück an seinen Computer.

In der Zukunft könnten wir zum Beispiel zu einem Betriebssystem für Fashion werden und als Plattform die verschiedenen Kanäle managen. Der Kunde könnte dann auf dem Weg zur Arbeit auf der mobilen Zalando- App surfen und sich dort wie von einem Modemagazin oder einer Fashionshow inspirieren lassen. Wenn er auf diese Weise ein paar Schuhe findet, kann er sich anzeigen lassen, wann er diese geliefert bekommen könnte oder welcher Markenshop in der Nähe sie in seiner Größe vorrätig hätte. Jetzt könnte er ihn online kaufen oder die App führt ihn direkt zu einem Laden, wo die Schuhe in seiner Größe schon für ihn bereitgestellt sind. Er kann sie dann dort über die App kaufen und mitnehmen oder sich zu jedem beliebigen Ort schicken lassen, dabei die Lieferung live verfolgen und gegebenenfalls die Lieferadresse kurzfristig anpassen. Umgekehrt kann er sich aber auch im Laden weiter inspirieren lassen. Die Zalando-App führt ihn dann zu weiteren, auf ihn zugeschnittenen Angeboten, die er kaufen oder vormerken kann, um sie später zu Hause sofort wieder  auf seiner App zu finden, um sie dann am nächsten Tag zu bestellen.

Erlebnis und Bequemlichkeit werden im Fokus stehen, denn mit zunehmenden Wohlstand kaufen wir nicht mehr nur ein Produkt, sondern wir kaufen die multisensualen Erlebnisse, die damit verbunden sind. So wird nicht nur für die Generation der Digital Natives, wird „instant gratification“ und damit sofortige Verfügbarkeit und Lieferung entscheidend sein.

Dies stellt die Lieferketten natürlich vor Herausforderung. Ich persönlich gehe jedoch davon aus, dass wir zur Zeit noch unterschätzen, was in zehn Jahren möglich sein wird.

Was würde es für unsere Städte zum Beispiel bedeuten, wenn sich bis 2030 selbstfahrende Autos in Großstädten durchgesetzt hätten und damit intelligente Mobilitätskonzepte Einzug hielten? Statt eines unberechenbaren Individualverkehrs mit durchschnittlich 1,2 Insassen pro Fahrzeug könnte es eine neue Art Fahrzeuge für vier bis zehn Personen geben, deren Fahrstrecken durch künstliche Intelligenz optimiert und über eine App verfolgt werden können. Ähnlich wie heute schon bei Uber oder MyTaxi, aber mit einem viel größeren Fahrzeugpool, kann immer die perfekte Transportmöglichkeit gefunden werden. Dadurch würde sich die Anzahl der Fahrzeuge auf der Straße extrem reduzieren. Um die Flotten optimal zu nutzen, könnte man diese außerhalb der Rushhour zur Auslieferung von Warenlieferungen nutzen, bzw. Pakete durch Vernetzung im Fahrzeug für die Fahrt nachhause bereitstellen. Gleichzeitig müsste kaum mehr Parkraum vorgehalten werden. Dies alles würde die Städte entlasten und Raum für neue Lieferkonzepte schaffen.

Wenn wir also verstehen wollen, was in zehn Jahren sein wird, müssen wir anfangen, uns das vorzustellen, was kommen wird und nicht nur was heute ist. Vor allem, sollten wir antizipieren, welchen Einfluss eine neue Technologie in einem Bereich auf Geschäftsmodelle anderer Sektoren haben könnte.

Dieser Beitrag stammt aus der Publikation „Retail meets Logistics 2030“, die unter diesem LINK abrufbar ist.