Von Bettina Römerscheidt und Ralf Freter, Steelcase AG

Im Rahmen moderner Büroraumkonzepte zeichnet sich eindeutig ein Trend zu den sog. »Open Spaces« ab – sog. »Ökosysteme an Arbeitsmöglichkeiten«. Grund hierfür ist der Wunsch, beziehungsweise Zwang, der Unternehmen ihre Innovationskraft und -geschwindigkeit zu steigern. Ideen sind die Grundlage aller Innovation. Ideen entstehen, wenn Menschen kreativ sind beziehungsweise sein können. Dies bringt die Frage auf, wie ein Raum, eine Umgebung konzipiert und gestaltet sein muss, um genau das zu fördern. Um ein funktionierendes Ökosystem an Arbeitsmöglichkeiten zu konzipieren sind drei Kernkomponenten zu beachten, die ineinandergreifen.

Hier soll die Komponente »Verhalten« betrachtet werden. Es gibt unzählige Beispiele an neuen Bürokonzepten, die nicht funktionieren, da bei aller Bearbeitung der nötigen Strategien zur Umsetzung das Verhalten derjenigen, die in dem neuen Konzept zusammenarbeiten sollen, nicht oder nur teilweise berücksichtigt wurde.

Verhalten & Kultur

Das Verhalten ist untrennbar mit der Kultur beziehungsweise dem kulturellen Umfeld verbunden, da es das Verhalten prägt. Deshalb stellt sich die Frage, was Kultur eigentlich bedeutet. Der Begriff der Kultur wird in verschiedenen Kontexten genutzt. Ursprünglich stammt der Begriff vom dem lateinischen ‚cultura‘ ab, für die ‚Bearbeitung‘, ‚Pfl ege‘, beziehungsweise den ‚Ackerbau‘ und meint das Kultivieren im Sinne der Landwirtschaft. Heute meint Kultur i.d.R. die Gesamtheit der geistigen, künstlerischen und wissenschaftlichen Leistungen, die ein Volk und/oder eine Epoche charakterisieren.

Der bekannte Experte für Kulturwissenschaften, Geert Hofstede formulierte es so: Die Kultur ist also entscheidend, wie wir uns verhalten, benehmen, sprechen, essen, usw. Sie wirkt sich auf alles aus, was wir tun und wie wir es tun. Dies ist der sichtbare, der bewusste Teil einer Kultur.

Die fundamentalen Säulen einer Kultur sind i.d.R. der Glaube, die Einstellungen und Werte der Menschen. Dies ist der unsichtbare, der unbewusste Teil einer Kultur.

Zur Verdeutlichung wird hier oft die Analogie zu einem Eisberg herangezogen. Wenn Menschen zusammentreffen und miteinander agieren, tragen sie stets ihren »unsichtbaren Eisberg«, ihre Werte mit sich und bewerten das Verhalten des beziehungsweise der anderen. Dies wird als eigener Wertefilter bezeichnet.

Dieses Prinzip gilt für alle Gemeinschaften, also auch für die Menschen, die zusammen im selben Unternehmen arbeiten. Alle Unternehmen haben eine eigene Kultur und somit ihre eigenen Wertefilter. Möchte nun ein Unternehmen Veränderungen vornehmen, die ebenfalls Auswirkungen auf die Arbeitsumgebung der Mitarbeiter hat, so ist zu prüfen, ob die Veränderungen mit den

Werten der Belegschaft bzw. mit der vorherrschenden Unternehmenskultur noch im Einklang stehen. Wenn nicht, werden die erdachten Strategien ohne Change-Management gar nicht oder nur teilweise greifen.

Kultur- & Wertewandel

Der Wertewandel begegnet uns in vielerlei Hinsicht. Zum einen ist die Veränderung der Werte bei den jüngeren Generationen zu sehen. Durch die veränderte Kultur prägt sich auch ein verändertes Verhalten aus, welches Einfluss auf die Arbeit in den Unternehmen hat. Die GigaOM Pro Studie »The Future of the Workplace« aus dem Jahre 2011 zeigte bereits auf, dass sich ein Rangfolgenwechsel der  Entscheidungskriterien für Arbeitnehmer abzeichnet und das Gehalt als wichtigstes Kriterium vor der Ablösung steht. Unternehmen, die neue Talente gewinnen wollen, müssen sich mit der Qualität der Arbeitsumgebung, die sie potentiellen neuen Mitarbeitern anbieten, auseinandersetzen. Ein anderer Aspekt ist die Frage, welche räumlichen Settings kreative Prozesse erfordern? Die vorherrschenden klassischen Bürokonzepte sind darauf ausgerichtet, klassische Prozesse zu unterstützen, die vor allem einen linearen Prozessverlauf aufweisen. Kreative Prozesse funktionieren aber nicht linear. Ideen divergieren, konvergieren und iterieren.

Räume müssen demnach so konzipiert sein, dass sie dem Verhalten der darin arbeitenden Menschen entsprechen. Umgekehrt kann das Raum- und Gestaltungskonzept das Verhalten der Menschen beeinflussen. Dieser Effekt kann gut am folgenden Beispiel dargestellt werden. Ein sehr passendes Zitat stammt von Sir Winston Churchill, das sicherlich so für alle Räume, in denen wir uns aufhalten, übernommen werden kann: „Zuerst prägen wir unseren Wohnraum, danach prägt der Wohnraum uns“.

Fazit | These

Um im Markt bestehen zu können, müssen Unternehmen in ihre Innovationskraft investieren. Innovationen erzeugen die Menschen im Unternehmen, indem Kreativität gefördert wird. Der kreative Prozess ist nicht linear, er kann divergieren, konvergieren und iterieren. Passende Umgebungen müssen dies unterstützen können – offene Arbeitsumgebungen für freie Arbeitsweisen. Hierzu wird aber auch eine Unternehmenskultur benötigt, die diese freie Arbeitsweise erlaubt. In den Wechselwirkungen zwischen Raum, Verhalten und Werten müssen die Arbeitsräume der Zukunft ein Ökosystem an verschiedenen Arbeitsmöglichkeiten anbieten, in denen die Menschen ihre Wahl- und Kontrollmöglichkeiten ausleben können.

Heutige Märkte unterliegen stärkeren Veränderungen, auf die die Räume und die Gebäude flexibler reagieren können müssen. 75 Prozent aller Büros in Deutschland sind nach wie vor als Einzel- oder Gruppenbüros ausgeführt. 18 Prozent als Open Space, jedoch mit fester Arbeitsplatzzuordnung. Lediglich sieben Prozent aller Büros setzen ganz oder in Teilen ein Ökosystem an Arbeitsmöglichkeiten um.