Alexander Ubach-Utermöhl (blackprintpartners GmbH, German PropTech Initiative)

Vor dem Begriff PropTech schreckt die Immobilienbranche heute längst nicht mehr zurück. Und doch: In der Praxis sind die Hemmschwellen weiter da. Ein echter, produktiver Austausch auf Augenhöhe zwischen Etablierten und jungen digitalen  Gründern ist nach wie vor selten zu beobachten. Im Gegenteil: Die Beispiele für konkrete Kooperationen und Partnerschaf ten lassen sich an beiden Händen abzählen. Dem Markt fehlt es oft an Informationen über die PropTechs, die Gründer wieder rum stehen oft noch ganz am Anfang. In der Branche ruft das Ängste hervor – vor neuen Konkurrenten und unvollendeten Produkten.

Wer in den vergangenen Monaten Branchenveranstaltungen besucht, durch einschlägige Fachzeitschriften geblättert oder Diskussionen in den sozialen Netzwerken beobachtet hat, der konnte eins mit Leichtigkeit feststellen: Das Thema PropTech polarisiert die Immobilienbranche. Das war zwar schon immer so. Aber: In einer Debatte, die seit jeher nicht frei von Werturteilen und Emotionen geführt wird – weil sie an den  jahrzehntelangen Grundfesten einer ganzen Branche rüttelt –, verhärten sich die Fronten zusehends. Während viele Redner, Autoren und Meinungsführer auf der einen Seite unermüdlich die Fortschritte und Vorteile der Digitalisierung und damit auch der innovativen Lösungsansätze junger PropTechs anpreisen, formiert sich auf der anderen Seite eine Gruppe etablierter Branchenteilnehmer, die eine starke Abwehrhaltung einnimmt. Ihre Mitglieder verweisen gerne auf tatsächliche und vermeintliche Risiken, die den neuen Technologien innewohnen. Glaubt man den Skeptikern, ist die  „Revolution“ der Branche durch den digitalen Wandel zum Scheitern verurteilt.

Aber woher kommen diese Zweifel und Kritik? Und warum sind selbst Branchengrößen nach wie vor oft zögerlich, wenn es darum geht, neue Möglichkeiten auszuprobieren und sich für die Vorzüge der Digitalisierung zu öffnen? PropTech als Chance für die etablierte Branche Die PropTech-Branche ist ständig in Bewegung. Genau wie andere Technologiesparten entwickelt sie sich kontinuierlich weiter. Was auf der einen Seite ihre Stärke ist, stellt gleichzeitig auch den Grund für die Abwehrhaltung vieler Skeptiker dar. Denn die Immobilienbranche ist es gewohnt, in langen Zyklen zu denken und zu handeln. Die Geschwindigkeit, mit der sich der PropTech-Bereich verändert, sorgt da zunächst für Misstrauen und ruft nicht selten Ängste vor der Obsoleszenz des eigenen Geschäftsmodells hervor. Doch die Dynamik der PropTech-Szene ist längst nicht der einzige Grund für die Skepsis und Ablehnung der Etablierten. Hinzu kommt, dass sich viele digitalen Produkte bei der Geschäftsanbahnung mit einem PropTech noch im MVP-Status befinden. MVP steht für minimum viable product – also für ein Produkt, das nur die minimal notwendigen Eigenschaften erfüllt. Für junge Unternehmen sind MVPs  ein wichtiges Werkzeug, um die Marktfähigkeit des eigenen Geschäftsmodells zu prüfen und auszutarieren. Für Unternehmen mit jahrzehntelanger Erfahrung in der  Immobilienbranche kann dieser Status hingegen zunächst abschreckend wirken.  Arbeiten sie mit Startups zusammen, erhalten sie nämlich häufig kein fertiges, voll funktionsfähiges Produkt. Oft stellen Gründer ganz im Gegenteil ausschließlich die Kernfunktion eines neuen Produktes oder einer neuen Dienstleistung zur Verfügung. Erst im Gespräch mit dem Nutzer (und zahlenden Kunden) werden die Funktionalitäten Schritt für Schritt auf Basis der Anforderungen weiterentwickelt. Das ist für etablierte Branchengrößen zunächst ungewohnt – und birgt doch gleichzeitig eine große Chance. Denn so sind die Unternehmen von vornherein nicht nur als „Prosumer“ an der   Entwicklung beteiligt, sondern lernen auch gleichzeitig, wie junge Teams denken und arbeiten.

Im Gegensatz zu vielen Etablierten, die oft prozessgetrieben sind, orientieren sich Startups meist viel stärker am Kunden. Sie gehen ein Problem aus dessen Sicht an – und entwickeln von einem spezifischen Mangel ausgehend eine passende Lösung. Die Kundenbeziehung steht zu jeder Zeit im Mittelpunkt. Schließlich müssen die Gründer einen potenziellen Geschäftspartner erst von sich und dem Innovationspotenzial ihres Modells überzeugen. Das Ergebnis ist oft ein auf den Abnehmer und seine individuellen Bedürfnisse zugeschnittener Ansatz. In dieser Hinsicht besteht bei manch einem Etablierten noch deutlich Luft nach oben. Nicht nur die Kunden- und  Serviceorientierung von Startups bestätigt: Mit Blick auf den jetzigen Entwicklungsstand der PropTech-Szene eine grundsätzliche Entscheidung über deren Potenzial zu treffen, ist falsch. Produkte, die heute unvollendet und voller Fehler erscheinen, können schon in wenigen Monaten eine unerwartete Reife erreichen und einen echten Mehrwert für etablierte Unternehmen liefern. Zumal: Die frühzeitige Kooperation mit PropTechs erlaubt die intensive Auseinandersetzung mit Geschäftsmodellen, die das eigene potenziell gefährden könnten.

Zusammenarbeit lohnt sich

Noch sind Beispiele für Kooperationen und Partnerschaften zwischen Etablierten und Gründern selten. Dabei ist es für Branchenmitglieder sinnvoll, die aktive  Zusammenarbeit mit den Startups zu fördern und sich von Beginn an einzubringen – allein, um langfristig einen entsprechenden Anpassungsdruck zu vermeiden. Und: Weil beide Seiten voneinander lernen und ihren Konkurrenten dadurch schon bald voraus sein werden. Demnach stehen bei den Partnerschaften auch nicht finanzielle Erträge oder Potenziale im Mittelpunkt – die sind ohnehin oft schwer abzuschätzen. Dafür gewinnen Etablierte mit den jungen, digitalen Gründern aber flexible Partner, die schnelle und kurze Reaktionswege haben. Außerdem bringen Jungunternehmer häufig Risikobereitschaft und Ideenreichtum mit. Prop-Techs weisen oft eine dynamische Organisationsstruktur auf, viele sind zudem mittels Bootstrapping eigenständig finanziert und dadurch sehr sparsam und effizient aufgebaut. Hier liegt für etablierte Unternehmen enormes Lernpotenzial. Sie können die gewonnenen Erkenntnisse nutzen, um eigene interne Prozesse zu optimieren oder Veränderungen anzustoßen.

Die Möglichkeiten für eine Zusammenarbeit mit Startups sind vielfältig: So können Unternehmen ein neues digitales Produkt oder eine Dienstleistung zunächst als Kunde kaufen – immerhin suchen sich die jungen Branchenfremden die Etablierten bewusst als neue Kundengruppe aus. Gerade im Rahmen eines Pilotprojekts oder als strategischer Partner eines PropTechs haben etablierte Unternehmen die Chance, das entsprechende MVP-Produkt verstärkt auf die eigenen Bedürfnisse zuzuschneiden und sich so innovative Ansätze zunutze zu machenAuch in PropTechs investieren ist eine Option. Dabei sind natürlich eine gewisse Innovationsaffinität und Risikobereitschaft notwendig. Aktuell sind zahlreiche Unternehmen vor allem auf ihr Kerngeschäft fokussiert – zu vielen herkömmlichen Geschäftsmodellen passt ein Engagement im Startup-Bereich schlicht noch nicht.

Jeder sollte sich mit PropTechs auseinandersetzen

Aber es wird Zeit, dass sich auch die Skeptiker verstärkt mit der Szene  auseinandersetzen. In der intensiv geführten Debatte um die Bedeutung und Auswirkungen der PropTech-Bewegung stützen sich beide Seiten – Kritiker wie Befürworter – auf begründete Argumente. Und doch sei gerade den PropTech-Kritikern eines geraten: Beschäftigen Sie sich mit den Entwicklungen in diesem Feld! Setzen Sie sich mit den Ideen der Gründer auseinander! Und seien Sie unvoreingenommen! Oft sind die digitalen Errungenschaften nicht nur ein richtiger, sondern der entscheidende Schritt, um das eigene Geschäftsmodell an die individuellen Bedürfnisse der Kunden und die Herausforderungen in einem zunehmend globalisierten, flexibilisierten Marktumfeld fit für die Zukunft zu machen.

Alexander Ubach-Utermöhl ist geschäftsführender Gesellschafter der blackprintpartners GmbH und Vorsit zender der German PropTech Initiative.

(Dieser Beitrag stammt aus dem ZIA-Geschäftsbericht 2017).