Univ. Prof. Dr.-Ing. M. Norbert Fisch, M.Sc. Tobias Nusser (Steinbeis-Transferzentrum)

Klimaschutz und die Reduzierung des Ressourcenverbrauchs sind für die gesamte Gesellschaft eine enorme Herausforderung und eine der drängendsten Aufgaben auf der politischen Agenda. Die Immobilienwirtschaft ist hier besonders gefordert. Im Gebäudebestand und beim Neubau soll die Ökobilanz durch politische Auflagen wie den Klimaschutzplan 2050 und die Novellierung des Energieeinsparrechts verbessert werden. Dabei stellt sich grundlegend die Frage, ob die angestrebten Klimaschutzziele im Gebäudebereich mit weiterer Verschärfung der Energiestandards oder mit alternativen
Maßnahmen (z.B. Betriebsoptimierung) effizienter zu erreichen sind.

Am 14. November 2016 hat das Bundeskabinett den Klimaschutzplan 2050 beschlossen. Der Klimaschutzplan gibt Orientierung auf dem Weg zur Erreichung der nationalen und internationalen Klimaschutzziele der Bundesregierung. Zentrales Element ist der klimaneutrale Gebäudebestand bis zum Jahr 2050. Im Rahmen der Weiterentwicklung der energetischen Standards steht die Neuorientierung bzw. Zusammenlegung der Energieeinsparverordnung (EnEV) mit dem Erneuerbare-Energien-Wärme-Gesetz (EEWärmeG) zum Gebäude-Energie-Gesetz (GEG) auf der Tagesordnung. Dieser Schritt ist notwendig, da unter anderem die bestehende EnEV in Verbindung mit der DIN 18599 einen zu hohen Komplexitätsgrad besitzt und die darin genannten Zielgrößen, wie die Primärenergie, in der Praxis kaum zu vermitteln sind.

Die zukünftigen Energiestandards müssen daher einem zielgerichteten, ganzheitlichen und technologieoffenen Ansatz entsprechen. Es ist notwendig die Bilanzgrenzen der Bewertung von Gebäuden zu erweitern und die nutzerspezifischen Strombedarfe einzubeziehen. Eine Änderung der Kennwerte bei der Bewertung von Gebäudestandards ist erforderlich, um diese in Einklang mit dem nationalen Ziel der Klimaneutralität
bringen zu können.

Studie zur Wirtschaftlichkeit

Aus diesem Grund hat der ZIA das Steinbeis-Transferzentrum für Energie-, Gebäude- und Solartechnik (Leitung Univ. Prof. Dr.-Ing. M. Norbert Fisch), in Stuttgart mit einem Wirtschaftlichkeitsgutachten beauftragt. Das Gutachten hat für unterschiedliche Typologien von Wirtschaftsimmobilien die erforderlichen baulichen und technischen Maßnahmen einer möglichen Verschärfung der EnEV und Einhaltung des EEWärmeG untersucht. Mit dem Inkrafttreten der EnEV 2016 gelten verschärfte Anforderungen
an die energetische Qualität von Gebäuden. Für die Nutzungstypologien Bürogebäude, Hotel und Shopping Mall wurden am Beispiel von repräsentativen Typgebäuden die baulichen Anforderungen an die Gebäudehülle für verschiedene Varianten der Energieversorgung explizit berechnet und bewertet. Die zusätzlichen Anforderungen nach dem EEWärmeG sind dabei berücksichtigt und bilden die Grundlage bei der Bewertung des Primärenergiebedarfs und der CO2-Emissionen. Neben der technischen Machbarkeit wurden insbesondere die Wirtschaftlichkeit und die Reduktionseffizienz (Kostenaufwand/CO2-Einsparung) analysiert.

Ergebnisse des Gutachtens

Das Gutachten kommt zu dem Ergebnis, dass zur Erreichung der klimapolitischen Ziele eine alleinige weitere Verschärfung der EnEV im Kontext mit dem EEWärmeG für Wirtschaftsimmobilien nicht zielführend ist. Für bestimmte Nutzungen, z.B. Shopping Malls, hat die Einführung der EnEV 2016 bereits den Grundsatz der Technologieoffenheit verletzt. Die bisherige pauschale Verschärfung der Anforderungswerte der EnEV 2016 und des EEWärmeG führt lediglich dazu, dass bei fossilen Energieträgern eine deutlich verbesserte Qualität der Gebäudehülle erforderlich wird. Signifikante CO2-Einsparungen resultieren jedoch nicht aus der weiteren Verschärfung des baulichen Wärmeschutzes (EnEV 2016, KfW 55). Größeren Einfluss haben die Wahl des Energieträgers und die lokale Nutzung erneuerbarer Energien. Dies wird noch deutlicher, wenn man über die
EnEV-Bilanzierung hinaus den nutzerspezifischen Strombedarf im Kontext einer ganzheitlichen Betrachtung mit einbezieht. Generell sind Photovoltaik (PV)-Anlagen zur Erreichung der vorgegebenen Ziele von EnEV und EEWärmeG von hoher wirtschaftlicher Relevanz und führen direkt zu einer Reduktion fossilen Ressourcenverbrauchs und der CO2-Emissionen. Durch den Einsatz von PV-Anlagen können bei allen untersuchten Typgebäuden kostenintensive Maßnahmen an der Gebäudehülle reduziert werden. Mit Blick auf das wirtschaftliche Optimum
sollten zukunftsfähige Energiestandards dem Grundsatz folgen, die Reduzierung des gesamten Energiebedarfes und die Nutzung von Erneuerbaren Energien gleichwertig zuzulassen. Die verbreitete Meinung „Reduzierung First“ ist überholt, seitdem der Strompreis aus Erneuerbaren unter 10 ct/kWh in Deutschland gefallen ist.

Die von der Bundesregierung im Rahmen der Energiewende angestrebten Ziele sind vor allem durch Betriebsoptimierungen, Effizienzsteigerungen und den konsequenten Ausbau  Erneuerbarer Energien in den öffentlichen Wärme- und Stromnetzen erreichbar – Strom- und Gasnetze müssen „Grüner“ werden. Die Abbildung zeigt auf, dass ein zukünftiger, auf Erneuerbaren Energien basierender Strommix zu einer Verdoppelung der CO2-Einsparungen im Gebäude führen kann.

Abbildung Fisch

Die Studie zur Bewertung verschärfter energetischer Anforderungen bei  Wirtschaftsimmobilien kommt daher zu mehreren zentralen Erkenntnissen:

  • Die Bewertungsgrößen Primärenergie und der spezifische Wärmetransmissionsverlust (H‘T) werden in der Praxis kaum verstanden. Darüber hinaus ist die Referenzgebäudemethodik (EnEV 2016) zur energetischen Bewertung eines Gebäudeentwurfs für Wirtschaftsimmobilien nicht praktikabel.
  • Bei einer weiteren Verschärfung der EnEV 2016 ist die Wärmeversorgung nicht mehr mit allen Energieträgern möglich oder stellt unverhältnismäßig hohe Anforderungen an die thermische Qualität der Gebäudehülle. Technologieoffenheit und Wirtschaftlichkeit sind damit nicht gegeben.
  • Weitere verschärfte Anforderungen an die thermische Qualität
    der Gebäudehülle sind nicht zielführend.
  • Der Einsatz von Photovoltaik ist zur Erreichung der vorgegebenen Ziele von EnEV und EEWärmeG von hoher wirtschaftlicher Relevanz und schont fossile Ressourcen.
  • Mittelfristige CO2-Ziele im Gebäudebereich erfordern einen höheren „Grünen Strom- und Gasanteil“, insbesondere bei Einbeziehung des nutzerspezifischen Strombedarfs.

Ausblick

Neben diesen zentralen Ergebnissen werden im Gutachten eine Reihe von Empfehlungen gegeben. Darunter fällt die Vereinfachung und Weiterentwicklung von bestehenden Gesetzen und Verordnungen sowie die Einführung eines CO2-Labels für Gebäude.

Mittelfristig gilt es daher eine Neuorientierung zur Beurteilung der ganzheitlichen Gebäudeperformance im Kontext der Zielsetzung der Bundesregierung (80 Prozent CO2-Reduzierung bis 2050) herbeizuführen.

Ein CO2-Label für Gebäude (kg CO2/(m²*a), das die durch Betrieb, Nutzung und Errichtung verursachten Treibhausgasemissionen berücksichtigt, hilft als Hauptanforderung die relevante klimapolitische Zielgröße CO2 verständlich und bewertbar zu machen. Die thermische Mindestqualität der Gebäudehülle (H‘T
bzw. Umittel Stand EnEV 2016) bleibt weiterhin eine sinnvolle Nebenanforderung.

Der „Klimaschutzplan 2050“ der Bundesregierung gibt ambitionierte Ziele im Bereich von Neubauten und Quartierslösungen vor. Für das Erreichen des klimaneutralen Gebäudebestands sind jedoch die bisherigen Ansätze zu überdenken. Der rechtliche
Rahmen sollte im Rahmen einer Neuausrichtung mit dem Fokus auf „Gebäude, Energie und Klimaschutz“ an Konsistenz gewinnen.

Statt Maßnahmen zur Reduzierung von Primärenergie und CO2-Emissionen im Vorfeld zu fördern, sollte die freiwillige Reduzierung von tatsächlichen CO2-Einsparungen belohnt werden, dazu ist eine regelmäßige Überprüfung erforderlich. Die Werkzeuge zur Qualitätssicherung von Gebäuden durch ein technisches Monitoring sind entwickelt, die Erprobung und dringend erforderliche Einführung in die Praxis sollten gefördert werden. Wir schlagen dazu ein Programm „1000-mal Energieeffizienz“ für Bestandsbauten und Neubau vor.

Univ. Prof. Dr.-Ing. M. Norbert Fisch, M.Sc. Tobias Nusser, Steinbeis-Transferzentrum Energie-,Gebäude- und Solartechnik Stuttgart.

(Dieser Beitrag stammt aus dem ZIA-Geschäftsbericht 2017)